Farbenprächtige Verhaltensmuster

By on 16. Mai 2014
LedCoult

Neulich auf der Couch – die Langeweile links neben mir, auf der rechten Seite die Lustlosigkeit. Beide zerren und zupfen unangenehm an mir herum, während sie mir gleichzeitig fürchterliche Dinge ins Ohr flüstern. »Laß´ dich doch nicht so hängen!«, »Meld’ dich endlich zu einem VHS-Schreibmaschinen-Kurs an!«, »Rasier dich wenigstens!« und so weiter. Ich versuche verzweifelt, die beiden zu ignorieren – vergeblich.

Als dann noch, wie auf Kommando, das schlecht gestochene Gewissen ins Wohnzimmer tappst und ein Gesicht zieht wie der Kunde, dem ein konfuser Tätowierer verwuchselte Bechstaben verpaßt hat, war es mit der anfänglich gemütlichen Ruhe schnell wieder vorbei. Dies sind meist die Momente, in denen ich die Muße finde, an einer neuen Kolumne zu schreiben, zu tippen, bis ich strubbelige Fingernägel kriege. Bei meiner Suche für ein geeignetes Thema für diese Ausgabe durchforstete ich natürlich wie immer eine der renommiertesten Tattoo-Seiten im Internet (www.tattoo-spirit.de – so viel Zeit muß sein). »Machen Tattoos wirklich süchtig?«, stand dort im Forum, in nahezu brennenden Lettern. Eine Frage, die sicherlich Mediziner und Krankenkassen gleichermaßen beschäftigen würde, vor allem aber natürlich den betroffenen Tattoo-Fan.

Eine Tätowierung ist reich und geizt nicht mit ihren Reizen. Sie verteilt diese sehr großzügig und erteilt den Ritterschlag zur Individualität. Sie läßt dich träumen, entgegenfiebern, sparen, verreisen, wünschen und entdecken. Egal ob Männlein oder Weiblein, hier macht sie keinen Unterschied. Das ist umso wundervoller, wenn draußen vor der Tür der graue Alltag seine dunklen Finger nach einem ausstreckt: Gegen eine Tätowierung hat dieser nicht den Hauch einer Chance. Doch nach einer Weile ist sie ihrer schlichten Einsamkeit müde, fordert farbenprächtigere, größere, ausgefallenere Gesellschaft, verlangt nach immer mehr Körperkunst. Süchtig? Nein, das ist doch Blödsinn. Fasziniert, hungrig, kontrolliert abhängig – ja. Vielleicht auch ein wenig verfressen und meinetwegen auch aus Gewohnheit gierig, farbengeil und unverbesserlich. Aber süchtig? Nicht doch, auf gar keinen Fall.

Halt, halt – wir wollen jetzt nicht voreilig sein. Zunächst sollten wir klären, was Sucht überhaupt ist: »Unter Sucht versteht man ein bestimmtes Verhaltensmuster, das mit einem unwiderstehlichen, wachsenden Verlangen nach einem bestimmten Gefühls- und Erlebniszustand beschrieben wird.« So steht es beim Verband der deutschen Suchtkrankenhilfe, und die werden es ja wohl wissen. Auf meine schriftliche Anfrage, wie viele Tattoo-Abhängige sie denn bereits betreuen, hat der Verband bislang noch nicht geantwortet. Nun ja, übe ich mich halt noch ein wenig in Geduld. Es wird bestimmt auch etwas dauern – das Zählen von so vielen Klienten.
So oder so ähnlich habe ich es schon oft gelesen: »Wer einmal mit Tattoos anfängt, kommt nicht mehr davon los!« Vielleicht liegt das ja auch daran, daß Tattoos nun mal so schwer wieder abgehen. Mmh, vielleicht steckt ja auch noch viel mehr dahinter. Unter Umständen sollte ich aber auch meine redaktionellen Finger von einer Antwort auf diese Sucht-Frage lassen, denn allzu sehr plagen mich schon jetzt die Horrorvisionen eines Tattoo-Magazins, bei dem unter jedem Bild ein kleines weißes Kästchen klebt, auf dem in warnenden Buchstaben geschrieben steht: Die Gesundheitsministerin warnt: Tattoos machen süchtig! Ob’s nun wirklich so ist – ihr werdet es bestimmt schon selber herausgefunden haben!

 

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