Wie stricke ich mir ein Tattoo?

By on 16. Mai 2014
Artist-Phil-Garcia

Kennt ihr das? Man wacht morgens auf und ist plötzlich Experte. Passiert Tausenden von Menschen jeden Tag, in jeder Stadt, sogar direkt bei euch in der Nachbarschaft. Warum also sollte dieses Phänomen vor dem Thema Tattoo Halt machen? Tut es auch nicht, auch hier stehen jeden Morgen etliche Tattoo-Experten auf, wollen selbst Profi werden, haben sich aber mit den Anforderungen dieses Berufes nicht wirklich beschäftigt. Es ist gerade einmal ein paar Wochen her, als in unserem Forum (www.tattoo-spirit.de) wieder einmal heftig über eine User-Frage diskutiert wurde. »Wie werde ich Tättufierer?« stand dort in augenverbrennenden Buchstaben. Wobei diese Schreibweise ja schon wirklich nicht mehr spektakulär ist, da hatten wir schon ganz andere Kaliber. »Will Tattowira werden, wo kaufe?« – »Mit wieviel Euro wird eigentlich nach der Tättu-Ausbildung ein Gesellen-Brief frankiert?« – »Pils oder Alt?« Irgendwie ähneln sich viele dieser Fragen und einige der professionellen Tätowierer im Forum, wie zum Beispiel Maik Frey (Wilde 13, Esslingen), Peter (Hot Ink, Frankenthal) oder Ralf (T&P Remus, Bexbach), beantworten die vielen Fragen mit nahezu jamaikanischer Gelassenheit.

Sie erklären, dass der Beruf des Tätowierers eher vergleichbar mit anderen künstlerischen Berufen ist. Schauspieler oder Musiker sind passende Beispiele. Beides Berufe, bei denen die reine Technik nicht ausreichend ist, sondern vor allem ein gewisses Maß an Talent erfordert. Und so raten sie, eine Art Präsentationsmappe mit erstellten Zeichnungen anzufertigen und dann schlicht und einfach die unterschiedlichsten Tattoostudios zu besuchen und sich in einem persönlichen Gespräch um eine Lehrstelle zu bewerben.Die Resonanz hierauf ist dann für die ratgebenden Profis oftmals ernüchternd. »Was soll das, jeder hat doch mal klein angefangen, oder seid ihr alle mit der Tattoomaschine im Arsch auf die Welt gekommen?« Oft wird dann argumentiert, dass es schließlich früher auch keine richtige Tattoo-Lehre gab und man sie daher doch heute auch nicht bräuchte. Ok – vor achthundert Jahren gab es auf Sri Lanka einen Stamm namens Bukku-Bukku. Immer, wenn einer der männlichen Stammesmitglieder Zahnschmerzen hatte, stach ihm der örtliche Medizinmann zwei kleine glühende Holznadeln in den Sack. Das war früher eben so und man kannte nichts anderes. Muss man das dann heute immer noch so machen, auch wenn es anders möglich ist? Wie viele Zahnärzte oder Herz-Chirurgen kennt ihr, die zu Hause im Wohnzimmer praktizieren? Auch Tätowierer benötigen neben der professionellen Ausbildung ein professionelles Umfeld, mit professioneller Ausrüstung, nicht viel mehr, aber auf keinen Fall weniger! Speziell durch die vielen Berichte der Medien ist der Beruf des Tätowierers in den vergangenen zwei Jahren unglaublich populär geworden. Die Mischung aus Blut, Schweiß und Tränen, die für das Erlernen dieses Berufes gleich literweise vergossen werden muss, fängt natürlich, wie bei allen Körperflüssigkeiten, irgendwann an zu müffeln. Einige Unerfahrene interpretieren dies dann leider als den Geruch des schnellen Geldes. Wären andere Berufsbilder in der Vergangenheit so populär geworden, würde sich die Geschichte ganz genauso wiederholen. Wenn ihr jetzt zum Beispiel professionelle Schafwollepulloverstricker wärt und der TV-Sender DMAX hätte vor einem Jahr damit begonnen, die Sendung »Chicago-Schaf« zu senden, würden sich diejenigen, die wir heute als Tattoo-Scratcher kennen, ebenfalls bei Ebay mit schlechtem Equipment eindecken. In diesem Fall eben mit einem Stricker-Starterset. Die Leute kämen dann ins Forum von www.Strick-Spirit.de und würden fragen, wie sie am schnellsten die dicke Kohle verdienen können, ohne etwas dafür tun zu müssen und ob die blaue Wolle von Wefa wirklich so viel besser ist, als die vom Strick-Supplier Müller-Lüdenscheid. Dann würdet ihr Antworten geben wie: »Hey, wenn es dir wirklich ernst ist mit dem Stricken, dann musst du zunächst einmal eine Mappe anlegen mit den Pullovern, die du bereits gestrickt hast, oder zumindest ein paar Zeichnungen von geplanten Pullovern (den sogenannten Strick-Flash). Na und dann musst du Klinken putzen, dich bei professionellen Schafwollepulloverstrickern um einen Ausbildungsplatz bemühen – nur so geht’s.« Die Kommentare wären dann ungefähr: »Was soll das, jeder hat doch mal klein angefangen, oder seid ihr alle mit den Stricknadeln im Arsch auf die Welt gekommen?« Ihr würdet euch mit den Leuten beim D.O.S. (Deutsche organisierte Schafwollepulloverstricker) zusammensetzen und euch für das Berufsbild des professionellen Schafwollepulloverstrickers einsetzen. Ihr würdet euch auf der internationalen Schafwollepullover-Convention in Berlin, der Messe von Frank »WEBER«, mit den anderen europäischen Verbänden zusammenschließen, um die Qualität von Schafwollepullovern weiter voranzutreiben. Aber die Scratcher-Stricker (das Wort musst du mal nach fünf Bier achtmal schnell hintereinander sprechen), die in der Schafwollepullover-Szene nur das schnelle Geld wittern, die würde es trotzdem immer noch geben.

 

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