Lehmanns Artefaktorium – Donaueschingen

By on 25. Oktober 2016


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Tätowierer? Alle gleich? Wenn man sie zusammen in einen Sack steckt und mit dem Knüppel draufhaut, trifft man immer den Richtigen. Oder? Wer wirklich so denken mag und meint, dass man Tätowierer im Großen und Ganzen über ein und denselben Kamm scheren kann, der sollte sich einmal mit Tätowierer Torsten Lehmann unterhalten.

Zu Beginn eines Interviews fange ich normalerweise mittels ein paar eher unwichtiger Standardfragen an der Oberfläche des Tätowierers zu knibbeln, natürlich nur im übertragenen Sinne. Anschließend bemühe ich mich dann im weiteren Verlauf mit immer größeren Fragenkalibern dem Gesprächspartner die wirklich interessanten Antworten zu entlocken. Torsten hat mein mit soviel Akribie zurechtgelegtes Konzept mal eben mit seiner aller­ersten und aus nur einem einzigen Wort bestehenden Antwort komplett über Bord geworfen. Auf meine Frage, wie viele Jahre er bereits als Tätowierer arbeiten würde, antwortete er nämlich mit: „Zwei.“ Zunächst dachte ich noch, ich hätte mich wohl verhört. „Wieviele?“ Erneut war die Antwort dieselbe; aber auch beim dritten und vierten Mal sollte sich daran nichts ändern. Auf kaum eine meiner folgenden Fragen habe ich dann auch nur ansatzweise die Antwort erhalten, die ich persönlich erwartet hätte.

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Als Maler und Lackierer hatte er begonnen. Anschließend Kunst und Geschichte studiert, um schlußendlich, eher durch Freunde gedrängt, den Beruf des Tätowierers zu ergreifen. Ein ziemliches Werde­gang-Durcheinander, das mir so auch noch nicht zu Ohren gekommen ist. Aber was ja im Grunde viel wichtiger ist, als der Weg zur Kunst, ist ja dann wieder die Kunst selbst. Doch auch die will Torsten nicht unbedingt so sehen, wie ich es vielleicht gerne hätte. Für ihn ist das Tätowieren nicht unbedingt Kunst. Auf mein Drängen hin läßt er sich aber wenigstens zu einem Kunsthandwerk überreden. Nein, Torsten sieht seinen Beruf auf seine ganz eigene Weise, und gerade das ist es, was ihn so überaus interessant macht. Dabei ist er ein Gesprächspartner, dessen Ansichten eines von ihm so bezeichneten Handwerks an manchen Stellen wiederum außergewöhnlich sensible, ja manchmal fast philosophische Ansätze zulassen. So ist er zum Beispiel immer wieder erstaunt, wie das Tätowieren funktioniert, vor allem aber verwundert und fasziniert über die Beständigkeit einer Tätowierung. Während wir wüßten, dass unser Körper jede Art von Fremdkörper in uns bekämpft und ihn zu vertreiben versucht, so ist es die Tattoofarbe, die wider aller Erkenntnis unter der Haut verbleibt. Fast so, als habe der Körper das Tattoo als neuen Teil seiner selbst akzeptiert, es gehört jetzt einfach dazu. Hierdurch erklärt sich für Torsten auch die Tatsache, warum Tattoos einen Menschen so verändern und das nicht nur optisch, sondern vor allem psychisch. Für ihn strahlen Tattoos nämlich nicht nur nach außen, sondern eben auch in das Innere eines Menschen. Um so wichtiger ist es für ihn, dass ein entsprechendes Motiv auch zum Kunden passt. So gesehen folgt Torsten altbewährten Methoden, die es bereits seit Urzeiten in der Welt der japanischen Tätowierkunst gibt. Dort sticht man dem Ängstlichen einen mutbringenden Drachen oder dem Aufbrausenden Ruhe schenkende Kirschblüten.

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Sein Großvater habe ihn wohl am meisten beeinflußt, meint Torsten. Er befaßte sich mit Kunstmalerei und stellt sogar Werke im Museum of Modern Art in New York aus. Von seinem Großvater stammt seine Faszination für die Malerei, den Geruch und die Leuchtkraft von Farben, der Wunsch, etwas Bleibendes zu erschaffen. Spätestens jetzt erklärt sich für mich auch der eigenartige Motivstil Torstens. Zu Beginn unseres Gespräches wußte ich einfach nicht, wie ich seine Arbeiten treffend beschreiben sollte. Sie sind oftmals nicht wirklich in der Kategorie Realistic anzusiedeln, deren Bestreben es ist, Dinge fotorealistisch darzustellen.
Torstens Tätowierungen wirken oft wie gemalt, ja das wäre wohl die passende Beschreibung.
Und wie ein Maler, der sich in vielen Fällen an die Grenzen seiner Kunst, nämlich den Bildrahmen, hält, so gibt auch Torsten vielen seiner Motive durch Rahmen und begrenzte Hintergründe überaus viel Halt. Diese Rahmen benutzt er vor allem bei den Kunden, die sich nur ein einziges Tattoo wünschen und sich sicher sind, es bei diesem einen zu belassen. Dann, eingerahmt, sieht das Motiv nicht so verloren aus, so Torsten.

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Dass er bei seinen Arbeiten keiner speziellen Stilrichtung folgen oder ihr womöglich einen Vorrang geben möchte, erklärt sich schon fast von selbst. Es ist ihm wichtig, sich eben nicht von Beginn an auf irgend etwas zu spezialisieren, sondern das Tätowieren in all seinen Facetten zu erlernen. Diese Vielfalt ist ihm ganz besonders wichtig. „Wenn man in diesem Beruf eine Übersicht bekommen möchte, so muß man sich mit allen seinen Ebenen beschäftigen.“ Diese Vielfalt und die damit verbundene Freiheit ist es dann auch, die Torsten an diesem Beruf so sehr liebt. Der Umgang mit Kunden, die vielen sehr persönlichen Gespräche, in denen die Motivideen geboren werden und das glückliche Gesicht des Kunden, in dem Augenblick, in dem er zum ers­ten Mal das fertige Tattoo sieht, das sind die Momente, für die Torsten arbeitet.Torsten ist ein unglaublich bescheidener und eher ruhiger Mensch, dem allzu viel Lob eher unangenehm ist. In den kurzen Momenten, in denen er kleine Einblicke über sein Verhältnis zu seinem Beruf gewährt, ist es mit dieser Ruhe schnell vorbei und man merkt, wie leidenschaftlich er an ihm hängt. „Jeder hat Kreativität in sich, irgendwo tief drin. Man muß nur den richtigen Funken zünden, um ein Licht zu entfachen“, erklärt mir Torsten. In seinem Fall hat der kleine Funke wohl eher dafür gesorgt, dass ein komplettes Feuerwerk dran glauben mußte.

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Es gibt eine Frage, die ich fast allen Tätowierern in der Folge eines Interviews stelle. Ich möchte von ihnen wissen, welches Tattoo sie stechen würden, wenn ihnen erlaubt wäre, nur noch ein einziges Motiv in ihrem ganzen Leben zu tätowieren. Torstens Antwort, wie hätte es auch anders sein können, hatte ich bis dato auch noch nie erhalten: „Einen kleinen Elefanten.“
Auf die Frage nach dem Warum erklärte er, dass es ihm nicht zwingend wichtig sei, was er tätowiert, sondern vielmehr wie. Große Dinge bedürfen nicht immer auch einer großen Sache und manchmal liegt Schönheit ganz einfach in ihrer Schlichtheit. Der Kunde ist es, für den Torsten tätowiert und nicht er selbst, wobei er hiermit wieder den Handwerker in sich zum Ausdruck bringen möchte.

Im Laufe unseres Gesprächs, das mir unglaublich viel Freude bereitet hat, beging Torsten einen ziemlich großen Fehler: Der Mann, den ich mehrfach als Künstler angesprochen hatte und der sich jedes Mal fast vehement als Handwerker bezeichnete, gab mir zu verstehen, dass er mir vertrauen würde und er den fertig geschriebenen Artikel nicht noch einmal lesen müsse, bevor er zur Druckerei ging. He he, hätte er wohl nicht tun sollen:
Torsten Lehmann ist ein Künstler – Ätsch!

Lehmann’s Artefaktorium Papilio
Torsten Lehmann • Gnadentalstrass 2
78166 Donauschingen-Neudingen
Tel: 0771-8976334 – 0173-1542915
www.lehmanns-art-papilio.de

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