Tätowierstudio Güldner – Siegen

By on 25. Oktober 2016


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Zufälle gibt es, die gibt es eigentlich gar nicht. Oder dürfte es zumindest nicht geben, wenn man sich an statistische Wahrscheinlichkeiten hält. Und ich bin eindeutig jemand, der eher an die Wissenschaft, als an irgendwelchen übersinnlichen Firlefanz glaubt. Doch manchmal wird mein Glaube in dieser Hinsicht gar fürchterlich erschüttert. Genau so etwas ist nun wieder passiert; im Vorfeld zu diesem Studiobericht: Uwe Güldner hatte ich bereits seit langem für eine ausführliche Vorstellung ins Visier genommen. Vor allem wegen seiner extrem feinen und übergangslosen Schattierungen, die sicherlich zu den Besten gehören, welche die gesamte deutsche Szene zu bieten hat.

Nur in der Redaktion hatte ich bisher noch kein Wort darüber fallen lassen. Dort konnte also keiner etwas von meiner Absicht wissen oder auch nur ahnen. Es kam aber auch immer irgend etwas dazwischen. Aus den Augen verloren hatte ich das Studio die letzten Jahre jedenfalls nie, und als ich mir vor einiger Zeit die neue Internetseite des Studios (www.gueldner-tattoo-piercing.de) anschaute, habe ich mir den Namen extra groß auf einen Zettel geschrieben, um nicht zu vergessen, dass ich meinen Vorschlag auf der nächsten Redaktions­besprechung endlich mal zur Sprache bringen wollte. Kaum dass dies geschehen war, klingelte auch schon mein Telefon: Martin! Nach einem kurzen Smalltalk kam dann das Unglaubliche: „Du, Arno, ich hab’ mir gerade die Sachen vom Güldner aus Siegen angesehen. Sind ja hammergeil. Was hältst du davon? Willst du nicht mal einen Bericht über ihn bringen? Du kennst ihn doch näher, oder?“ – Äh, was’n nu los? Zwei Doofe, ein Gedanke? Oder ist da Telepathie mit im Spiel? Oder gar der Teufel? Oder hat Martin irgendwann unbemerkt Kameras bei mir installiert? Oder, oder, oder…? Auf jeden Fall ist dies einer der Zufälle, die es eben eigentlich nicht geben dürfte. Und damit ich wieder ruhig schlafen kann, entschied ich mich schlicht für „Zwei Doofe, ein Gedanke.“ Besser ist das. Der Bericht war jedenfalls abgesegnet und das war schließlich das Wichtigste. Uwe kannte ich ja tatsächlich bereits eine ganze Weile. Immer wieder mal haben wir uns auf Conventions getroffen. Doch obwohl er in der Szene recht bekannt ist und sich z.B. als Vorstandsmitglied des D.O.T.e.V. (Deutsche Organisierte Tätowierer) auch für die Szene stark macht, ist er doch eher ein leiser Vertreter der Zunft, der nie mit seinem Können prahlt. Genau genommen stellt er sein Licht gerne eher unter den berühmten Scheffel. So bezeichnet er sich z.B. niemals als Künstler. Nee, dafür könne er auch gar nicht gut genug malen und eigene Sachen entwerfen, sagt er. Und deshalb sieht er sich selbst viel lieber als einen guten Techniker, der sein Handwerk versteht. Doch kaum betrete ich sein Studio, fallen mir gleich zahlreiche von ihm gemalte Bilder auf, die einen Großteil des Studios schmücken und alles andere als von schlechten Eltern sind. Also wirklich, wenn es das Wort „Bescheidenheit“ nicht bereits geben würde, Uwe hätte es garantiert erfunden. Und dabei hat er das überhaupt nicht nötig. Andere an seiner Stelle würden richtig auf die Kacke hauen, wenn man das so schreiben darf. Aber das ist halt nicht seine Art, macht ihn dafür allerdings auch wieder um so sympathischer. Als wir zusammen in der Küche des Studios sitzen, erfahre ich dann, wie alles bei ihm begann. Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell, dass das Tätowieren zu seinem Lebens­inhalt geworden ist. Angefangen hatte seine Leidenschaft vor ca. 28 Jahren, als sich Uwe die ersten Male selbst tätowieren ließ und sein damaliger Tätowierer ihn dazu animierte, mal selbst Hand anzulegen. Da war das Ganze aber eher noch Spaß. Ernst wurde es 1993 bei einem Aufenthalt in Los Angeles. Eigentlich wollte er nur einen Pick Up und ein paar Motorräder nach Deutschland bringen, verbrachte dann aber einen großen Teil seiner Zeit in den zahlreichen Studios am Sunset Boulevard. Dort entschied er sich dann auch spontan dazu, alles hinzuwerfen, ins kalte Wasser zu springen und selbst mit dem Tätowieren zu beginnen. Und als er mir erzählt, was den Ausschlag dazu gab, haut’s mich fast um: „Die Leute sind dort in den Laden gekommen, haben sich ihr neues Bild abgeholt und sind überglücklich wieder raus. Das man mit dieser Arbeit Menschen so glücklich machen kann, hat mich total fasziniert und dem Ganzen für mich einen komplett neuen Sinn gegeben.“

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In den letzten Jahren habe ich schon von so einigen Beweggründen, Tätowierer zu werden, gehört. Die meis­ten hatten mit dem Naheliegendsten, der Kunst zu tun. Aber einfach nur, um andere Menschen glücklich zu machen? Und dafür auch noch seine gesicherte Existenz aufgeben? Nee, das war mir neu. Aber wie ich mittlerweile mitbekommen habe, passt genau so etwas zu ihm. Ebenso, dass der erste Einrichtungsgegenstand für sein erstes kleines Studio, das er sich kurz nach seiner Rückkehr einrichtete, ein Sterilisator war, den er sich von einem Zahnarzt besorgen ließ. Noch bevor er überhaupt eine Maschine besaß, war äußerste Hygiene für ihn bereits das A und O. Um nun auch schnellstmöglich voranzukommen, bat er andere Tätowierer in Deutschland um ein wenig Unterstützung. Doch war die Zeit damals eine andere und seine Anfragen stießen auf wenig Gegen­liebe. „Das Beste, was ich zu hören bekam, war: Bevor ich mich überhaupt mit dir auseinandersetze, gibst du mir 30.000,- DM oder stellst mir eine Harley vor die Tür.“ Na herzlichen Dank. Die anfängliche Ablehnung sollte sich dann aber schnell in Glück verwandeln, denn dadurch kam er letztendlich über seinen englischen Supplier an Kevin Shercliff. Kevin war einer der besten Tätowierer Englands und nahm Uwe gerne unter seine Fittiche. Fortan flog er mindestens einmal pro Monat nach England, um Kevin über die Schulter zu schauen und dort auch zu arbeiten, was ihn natürlich wieder einen Großteil seines Geldes kostete. Aber darum ging es ihm ja nicht. Hauptsache, er kam weiter. Später, als sich zwischen den beiden bereits eine Freundschaft entwickelt hatte, kam Kevin ab und zu sogar nach Siegen, um bei Uwe als Gasttätowierer zu arbeiten. Das alles ist schon lange her und mittlerweile gehört Uwe selbst zu den ganz Großen in der Szene, auch wenn er das nicht gerne hören mag. Aber wenn dem nicht so wäre, warum kommen dann einige der bekanntes­ten deutschen Künstler gerne zu ihm, um noch etwas über Schattierungen zu lernen? Oder warum schicken sie ihm ihre Maschinen, um sie perfekt einstellen zu lassen? Das wird schon seine Gründe haben. Und genau darin liegen auch seine Stärken: Uwe ist ein begnadeter Techniker. Sowohl was die Theorie als auch die Praxis angeht. Ich glaube, ich habe noch niemals zuvor soviel über die handwerkliche Seite des Tätowierens erfahren, wie in den Stunden, die ich bei Uwe verbracht habe. Schade eigentlich, dass ich nicht mehr damit anfangen kann. Vielleicht sollte er mal ein Buch darüber schreiben. Wahrscheinlich hätte er dann ausgesorgt. Sein enormes Wissen und seine langjährige Erfahrung führen auch dazu, dass er seinen Kunden die bestmögliche Beratung bieten kann. So kann er z.B. sehr genau abschätzen, wie eine bestimmte Tätowierung in mehreren Jahren aussehen wird. Und wenn es bei dem gewünschten Tattoo Probleme geben könnte, sagt er das auch. Doch entgegen dem Sprichwort,währt ehrlich eben doch nicht immer am längsten und es kommt öfters vor, dass ein Kunde ihm keinen Glauben schenkt und ins nächste Studio rennt. Dort wird ihm dann vielleicht erzählt, dass das doch alles kein Problem sei und Uwe hat wegen seiner Ehrlichkeit die sprichwörtliche Arschkarte gezogen, weil ein anderer das anscheinend sehr wohl hinbekommt. Dass dem nicht so ist, merkt er ja erst viel später und steht dann wieder bei Uwe auf der Matte. Aber dann ist es zu spät. In solchen Fällen hält sich mein Mitleid wirklich sehr in Grenzen. Wer nicht hören will, muss eben fühlen, basta. Vom Stil her kann man sagen, dass Uwe alle beherrscht und jeden Kundenwunsch erfüllen kann. Herausragend dabei sind allerdings seine fein schattierten und mit viel Tiefe versehenen Arbeiten in Schwarz/Grau, wozu auch die Königsdisziplin, das Portrait zählt. Solche Arbeiten mag er am liebsten. Sie zeigen sein ganzes Können auf und sind mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden. Was überhaupt macht aber eine gute Tätowierung generell nach Uwes Meinung aus? „In erster Linie muß sie sauber gestochen sein. Das heißt, dass die Linien stimmen und die Schattierungen sauber und übergangslos sein müssen. Tätowieren ist immer eine Gratwanderung, bei der du die richtige Stichtiefe treffen mußt. Nur dann bleibt die Farbe so in der Haut wie sie soll. Stichst du nicht tief genug, kann sie wieder rausgehen, stichst du zu tief, kann sie mit der Zeit verlaufen, was viel schlimmer ist. Ich bevorzuge es deshalb, nicht zu tief zu stechen und mache mir lieber die Mühe, mir die Tätowierung nach ein paar Wochen nochmal anzuschauen und ggf. zu überarbeiten, was aber eher selten vorkommt. Bist du aber erstmal zu tief reingegangen, ist es zu spät. Daran läßt sich nichts mehr ändern. Darüber hinaus sollte die Aussage der Tätowierung immer klar erkennbar und nicht mit wer weiß wie vielen Informationen überladen sein. Das wirkt dann einfach nicht mehr.“

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Abschließend kann ich sagen, dass mir unser Treffen nicht nur sehr gefallen, sondern meinen Horizont auch wieder mal ein wenig erweitert hat. Von so „alten Hasen“ kann man eben noch eine Menge lernen. Das Studio selbst kann ich nur jedem ans Herz legen. Ein echter Familienbetrieb, in dem alles stimmt und in dem man sich gleich sauwohl fühlt. Uwe tätowiert, Tochter Rebekka ist für den Piercing­bereich zuständig (und für ihre saubere Arbeit weit über Siegens Grenzen hinaus bekannt) und Frau Christa ist die gute Seele im Laden, ohne die gar nichts läuft. Sozusagen: „Tattoo & Piercing – Eine Familie sticht zu“ Und das im besten Sinne.

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