Tattoomania – Niederlande

By on 25. Oktober 2016


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»I´ve got you under my skin« swingt mir Frank Sinatra in gewohnt lässiger Art entgegen, als ich mal wieder die Internetseite von Tattoomania (www.tattoomania.nl) besuche. Dieser Morgen ist echt mies. Meine normalerweise immerwährende gute Laune hatte in den letzten Tagen einige Federn lassen müssen. Nicht einmal der morgendliche Kaffee will mir so richtig schmecken. »I´ve got you deep in the heart of me« – Hey cool, mein Kaffee fängt so langsam an, doch besser zu schmecken, und aus mir unerfindlichen Gründen, fangen meine Finger plötzlich auch noch an rhyth­misch im Takt zu schnippen. »So deep in my heart, that youre realy a part of me« – Ach, scheiß auf die letzten Tage! Sollen sich doch andere aufregen. Lohnt sich eh nicht. Als dann noch die Trompeten und Posaunen zum Einsatz kommen, bin ich bereits völlig aus dem Häuschen und aus anfänglichem Grau bis Schwarz wird auf einmal Bunt bis Knallbunt. Sicherlich auch wegen den Sachen, die es auf Gerrits Seite zu sehen gibt und die ich mir mittlerweile halb tanzend anschaue. Sachen, die es, genau wie die Musik auf dieser Seite, schaffen, ein wenig Sonne in meine derzeit mit dunklen Wolken verhangene Seele zu zaubern. »I´ve got you under my skin«– Mein Tag ist gerettet. Ein Hoch auf Franky Boy und Gerrit! Und was das Ganze noch toppt: Genau dahin muß ich gleich, zu Tattoomania bzw. zu Gerrit.

Der Weg dorthin führt mich nach Holland, genauer gesagt nach Apeldoorn. Schön, ich wollte schon seit längerer Zeit mal wieder in die Berge fahren. Moment mal, Apeldoorn? Oje, da war es wieder, mein altes Kindheitstrauma. Nee, hat mit der Stadt rein gar nichts zu tun, liegt nur phonetisch gesehen, recht nah dran: Appelkorn! Als ich meine (ersten und einzigen) Erfahrungen mit diesem widerlichen Gesöff sammelte, muß ich so zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein; und mir wird selbst heute noch schlecht, wenn ich nur daran denke. Also lasse ich es besser. Ganz und gar nicht schlecht wird mir dagegen beim Anblick von Gerrits Arbeiten. Mit denen hatte ich mich ja nun schon einige Zeit befaßt. Gerrit ist Allrounder und es gibt wohl kaum einen Kundenwunsch, den er nicht in höchster Qualität erfüllen kann. Der absolute Hammer sind aber seine knallbunten New School Arbeiten, für die er mittlerweile weit über die niederländischen Grenzen hinaus bekannt ist. Die superdicken Outlines und die brillante Farbgebung seiner Arbeiten sind dabei sein Markenzeichen. Und wenn man sich seine Bilder etwas genauer ansieht, liegt die Vermutung nahe, dass der Mann auch über einen enormen Fundus an Ideen verfügt. Alles in allem also die besten Vorzeichen für ein interessantes Treffen. In Apeldoorn angekommen, bin ich zuerst ein wenig verwundert. Zum einen liegt das Studio mitten in einem idyllischen Wohngebiet mit Einfamilienhäusern. Und zum anderen sieht es auf den ersten Blick eher wie ein, auf Hochglanz polierter „American Diner“, als nach einem Tattoostudio aus. Was ich als sehr positiv empfinde, da es mal so erfrischend anders ist. Um zu bemerken, dass Gerrit auf Farben und den amerikanischen Stil steht, braucht man sich eigentlich nicht einmal mehr seine Mappen anzusehen. Das geschmackvoll eingerichtete Studio spricht bereits Bände. Es ist noch recht früh, gerade mal kurz nach 10:00 Uhr als wir bei einem Kaffee, der mir mittlerweile übrigens wieder fantastisch schmeckt, zusammensitzen und ich unser Gespräch mit der ers­ten, vermeintlich langweiligsten Frage beginne: „Wie bist du eigentlich überhaupt zum Tätowieren gekommen?“ Fragen nach den Anfängen hake ich am liebsten immer gleich zu Anfang ab, damit sie auch genügend Zeit haben, auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen meines Diktiergerätes zu verschwinden. Manchmal steckt aber auch eine interessante Geschichte dahinter, weshalb es dämlich wäre, sie gar nicht erst zu stellen. Bei Gerrits Antwort: „Weiß nicht. Aus Langeweile. Ich hatte gerade nichts anderes zu tun“, mußte ich mich dann auch anstrengen, meinen Kaffee nicht vor lauter Lachen gleich wieder über die Theke zu prusten. Dabei war das überhaupt nicht so lustig gemeint, wie es sich angehört hat. Das Thema Tattoo hatte Gerrit zwar schon lange interessiert, gearbeitet hatte er zu dieser Zeit aber als Airbrusher. Als es damit irgendwann nicht mehr genügend zu verdienen gab, mußte er sich eben nach etwas anderem umsehen, bei dem er das weitermachen konnte, was er liebte und bis heute liebt: Ideen kreativ umzusetzen und mit Farben zu spielen. Tätowieren lag da einfach am nächsten.

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Eine interessante Erklärung, die viel über seine Einstellung aussagt, liefert er gleich mit: „Was ich nicht verstehe, ist, dass so viele Leute Tätowierer werden wollen, nur um Tätowierer zu sein und nicht der eigentlichen Arbeit wegen. Als wenn das etwas besonders Cooles wäre. Mir ist sowas egal. Mir ist die Arbeit am wichtigsten und ich mache sie, weil ich sehr viel Spaß dabei habe. Sollte auch das irgendwann nicht mehr laufen, suche ich mir wieder etwas Neues, in dem ich mich ausleben kann.“ Den Spaß an der Arbeit sieht man ihm durchaus an. Und über mangelnde Kreativität kann er sich auch nicht gerade beklagen. Ideen für neue Projekte sprudeln nur so aus ihm heraus. Manchmal hat er eher sogar ein wenig zuviel davon, wie seine Frau Audrey meint. Doch genau darin liegt eine seiner Stärken: Aus den Informationen, die er von seinen Kunden erhält, ein Motiv zu entwerfen, das den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf trifft. „Wenn mir jemand ein bißchen was von sich erzählt, kommen die Ideen schon von ganz allein. Wenn die betreffende Person dann auch noch eine grobe Vorstellung vom Motiv hat, ist die ganze Sache noch einfacher.“ So kam z.B. mal ein Kunde in seinen Laden, der eine Tätowierung von seinem Hund haben wollte. Ein normales Portrait sollte es allerdings nicht sein, das wäre zu simpel gewesen. „Das war ein großer, kräftiger Kerl mit Glatze und sein Hund, eine Bulldogge, hieß Buddha. Also habe ich ihn im Comic-Stil als ­Buddha dargestellt, der eine Bulldogge an der Leine führt.“ Eine weitere Idee, die mir besonders gut gefallen hat, war die mit dem Partnerschafts-Tattoo eines jungen Pärchens: Zwei brennende Lego-Bausteine. Denn schließlich hat es bei den beiden irgendwann mal „klick“ gemacht. Gerrit erzählt mir noch viel über seine Ideen und davon, dass er Arbeiten, die ihn von vornherein nicht ansprechen, mittlerweile ablehnt. Dieser Luxus sei ihm gegönnt, den hat er sich in seinen dreizehn Jahren als Tätowierer hart erarbeitet. Und mal ehrlich, wenn ich eine normale Rose in normalem Rot haben möchte, muß ich auch nicht unbedingt zu Gerrit gehen. Die bekomme ich auch anderswo. Und damit kommen wir auch gleich zu seiner zweiten großen Stärke, den Farben. Wie schon erwähnt, liebt er es, mit Farben und Kontrasten zu arbeiten, weshalb eine einfache Blume bei ihm schon mal ziemlich abgefahren aussehen kann. Mit dem Original hat das dann oft nur noch recht wenig zu tun. Mit Farben zu spielen und sie so zu kombinieren, dass sich stets ein harmonisches Gesamtbild ergibt, dafür hat er einfach das gewisse Gespür.

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Egal wie grell oder ausgefallen sie auch sein mögen, in der Kombination passen sie immer perfekt zusammen. Besonders bemerkenswert finde ich auch, dass die Farben bei ihm so enorm kräftig wirken. Da muß es doch ein Geheimnis geben. Los her damit. Sag schon. Bleibt auch unter uns (uns allen, die den Bericht lesen.). „Das werde ich von vielen Leuten gefragt, ich kann dir aber leider keine Antwort darauf geben. Ich weiß es selber nicht. Ich benutze dieselben Farben wie jeder andere, und davon auch nur zehn oder elf verschiedene. Den Rest mische ich mir daraus selbst zusammen.“ Mist, die Antwort hatte ich mir jetzt aber anders vorgestellt. Bleibt es eben doch ein Geheimnis. Wahrscheinlich liegt es aber auch daran, dass er ein umfassendes Wissen über Farbkompositionen bereits aus seiner früheren Tätigkeit als Airbrusher mitgebracht hatte. Und der Rest hat dann wohl wieder viel mit Geduld zu tun. Wie auch immer, die Resultate sehen jedenfalls extrem geil aus. Aber gerade das ruft leider auch immer wieder ein paar Neider auf den Plan. Leute, die ihm den Erfolg nicht gönnen und ihn als arrogant und hochnäsig bezeichnen. Besonders auch, weil er es sich heraus nimmt, Arbeiten, die ihn überhaupt nicht interessieren, abzulehnen. Totaler Quatsch! So wie ich ihn kennen gelernt habe, trifft genau das Gegenteil zu. Genau genommen, finde ich ihn sogar schon ein wenig zu bescheiden. Als er mir die hier veröffentlichten Fotos zeigt, fragt er mich doch allen Ernstes, ob sie denn auch gut genug fürs Heft seien. Wie bitte? Bin ich jetzt plötzlich in „Veräppeldoorn“? Bescheidenheit ist ja schön und gut, man kann es aber auch übertreiben. Extrovertiertheit kann man Gerrit sowieso nicht vorwerfen. Vor einigen Jahren bekam er von einem großen niederländischen Sender das Angebot, im Rahmen einer live ausgestrahlten Silvester-Gala aufzutreten und eine Frau vor einem Millionenpublikum zu tätowieren. Das hätte seinen Bekanntheitsgrad sicherlich extrem angehoben. Doch solche Feiertage gehören grundsätzlich seiner Familie. Es gab aber noch einen weiteren Grund, weshalb er dieses Angebot nicht annehmen wollte: „Die Leute sollen mich wegen meiner Arbeit schätzen und nicht, weil ich durch irgendeine Fernsehsendung berühmt geworden bin. Meine Arbeiten sind wichtig, nicht ich. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich nie für Conventions bewerbe. Ich warte lieber, bis ich eine Einladung erhalte. Das ist dann eine Ehre für mich.“ Gemeint sind natürlich größere Veranstaltungen, für die es sowieso immer mehr Bewerber als freie Plätze gibt, und nicht die, die zusehen müssen, wie sie die Halle voll bekommen. Wie z.B. die New Yorker, auf der er dieses Jahr zum ersten Mal arbeiten wird. Auf solch eine Einladung kann man nun wirklich stolz sein. Die Tatsache, dass er sich selbst nicht so schrecklich ernst nimmt, und sich stattdessen lieber an seinen Arbeiten messen läßt, macht ihn in meinen Augen nur noch sympathischer.
Und deshalb bleibt mir als Fazit nur eins: Beide Daumen hoch. Super Tätowierungen, klasse Ambiente und die Leute sind auch noch total nett. Mehr kann man nun wirklich nicht verlangen. «

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