Tommy Lee Wendtner

By on 21. Oktober 2016

Sabbernde Fratzen, die dich hämisch angaffen und lauernd auf ihre Gelegenheit warten, dein ach so schönes Leben in einen Alptraum zu verwandeln. Morbide Gestalten, die aus den tiefsten Regionen der Hölle emporsteigen, um dich in selbige hinunterzureißen. Groteske Szenen, düster und abgrundtief böse. Derartige Visionen können nur einem kranken Hirn entspringen. Nein, Tommy Lee´s Welt wäre wahrlich kein geeigneter Ort für einen netten Kindergeburtstag. Seine Bilder faszinieren, schockieren, provozieren oder ekeln einen einfach nur an. Und so soll es auch sein. Er will Reaktionen! Starke Gefühle sind eine gute Grundlage für ernsthafte Diskussionen. Und genau die sucht Tommy, wo er nur kann. Die Konfrontation mit verborgenen Ängsten ist dabei sein Mittel. Als wir aufeinander treffen, wundert es mich schon ein wenig, auf einen freundlichen und vor allem fröhlichen Menschen zu treffen. Noch überraschter bin ich allerdings von seiner kompromißlosen Ehrlichkeit, mit der er vor allem mit sich selbst ins Gericht geht. Es dauert nicht lange und der Mensch Tommy Lee interessiert mich schon fast mehr als der Tätowierer. Aber kann man das überhaupt voneinander trennen? Seine Arbeiten sind schließlich auch ein Spiegelbild seiner Seele. Und die hat schon einiges mitgemacht. „Versteck dich nicht vor deinen Fehlern und Ängsten, deinen inneren Dämonen. Laß sie raus und werde ihr Meister. Dann bist du frei.“ Diese Aussage geht mir während unseres Gesprächs die ganze Zeit durch den Kopf, ohne dass sie überhaupt ausgesprochen wurde. Und Tommy selbst war voll von inneren Dämonen. Deshalb brauchte er 2003 erst mal eine Auszeit, um zu sich selbst zu finden. In dieser Zeit stieß er auf Paul Booth´s „Ritean Way“ und entdeckte dabei seine eigene dunkle Seite, die ihn von da an nicht mehr los ließ. Man kann auch sagen, dass er in dieser Zeit eine Art Wiedergeburt erlebte. Wie es dazu kam, wie es fortan seine Arbeit beeinflußte und was er über Kunst im allgemeinen denkt, sollte ich einem der interessantesten Gespräche, die ich jemals geführt hatte, erfahren. Viel Spaß beim Lesen.
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TS: Tommy, Du bist im Jahr 2003 regelrecht aus Europa geflohen. Warum? Wie kam es denn überhaupt dazu?
Tommy: Sagen wir mal so: Ich war auf so eine Art Rockstar-Trip. Oder besser: Ich war ein unverantwortliches, kleines Arschloch. Ich war zwar auch ein netter Kerl, habe aber Termine nicht eingehalten, nicht zu dem gestanden, was ich gesagt habe, gelogen, etc.. Ich habe viele Leute enttäuscht, obwohl es mir selbst nicht einmal bewußt war. Ich habe genommen, aber nichts gegeben. Einfach ein schlechter Charakter, der immer den leichtesten Weg gegangen ist. Dazu kamen noch mörderische Psychosen, Panikattacken, etc. Ich war richtig daneben. Als ich dann an der Convention in Taiwan teilgenommen habe, habe ich Nancy kennengelernt und wir haben uns gleich – wie in einem kitschigen Liebesfilm – ineinander verliebt. Zurück in Österreich ist dann wieder alles auf mich eingestürzt, meine Vergangenheit hatte mich eingeholt. Es sind dann aber auch Sachen über mich erzählt worden, die einfach nicht stimmten, was sicher auch etwas damit zu tun hatte, dass ich zuvor als Nobody auf dem Wiener „Canonball Ru““, bei dem ich ja nach Taiwan eingeladen wurde, nur ganz knapp das Finale verpaßt hatte. Es war also, wie ich glaube, auch ein wenig Neid dabei. Doch bei meiner Vorgeschichte hätte mir eh kein Schwein mehr geglaubt, was ich auch verstehen könnte. Ich wollte mich auch nicht mehr für alles rechtfertigen müssen, wußte aber auch, dass sich bei mir etwas ändern mußte. Also habe ich alle Brücken hinter mir abgerissen und bin ohne jegliche Sicherheit nach Taiwan gegangen. Mir war klar: Wenn sich nichts bei mir ändert, bin ich 14.000 km entfernt von zuhause ziemlich aufgeschmissen. Ich hätte nicht einmal gewußt, wie ich wieder zurückkommen könnte. Das war eine der schwersten Entscheidungen, die ich je in meinem Leben getroffen habe.

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TS: Welche Rolle spielte Nancy, deine zukünftige Frau dabei? Du bezeichnest sie ja selbst als deine Muse.
Tommy: Früher habe ich die Bezeichnung „Muse“ immer belächelt. Aber genau das ist Nancy für mich. Wie es ihr geht, beeinflußt mich, meine Kreativität und meine Arbeit ungemein. Ich kann es nicht erklären, es ist einfach so. Sie ist meine Inspiration und hat unglaublich viel für mich getan. Anfangs in Taiwan bin ich wieder zu meinem alten Trott zurückgekehrt. So ein typisches Schafsyndrom: Ich bin weg, also sind meine Probleme auch weg. Und Nancy hat mir daraufhin regelrecht in den Arsch getreten. Aber auf eine ganz besondere Weise: Sie hat mir geholfen, mir selbst zu helfen. Das war genau das, was ich gebraucht habe, denn egal wo ich bin: Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, bin ich immer noch derselbe. Ich kann nicht vor mir selbst wegrennen. Also habe ich endlich alle Fehler, die ich begangen hatte, vor mir ausgebreitet und versucht, reinen Tisch zu machen. Keine Ausreden mehr! Mittlerweile bin ich mit den meisten Leuten auch wieder im Reinen. Sie merken auch an meiner Art, dass ich nicht mehr der Gleiche bin.
TS: Man kann die Zeit in Taiwan ja schon fast als Wiedergeburt bezeichnen. Was ist da genau mit dir geschehen? Und was hat das mit Satanismus zu tun?
Tommy: Es ist zu meiner Philosophie geworden, mich meinem Leben und meinen Ängsten zu stellen. Wenn ich sterbe, verrotte ich in der Erde und bin ein Fest für die Würmer. Das ist mir durchaus bewußt. Keiner weiß, ob danach noch etwas kommt. Das macht mich aber nicht mehr depressiv, der Tod gehört nun mal zum Leben. Im Gegenteil, seitdem ich mich mit dem Ganzen auseinandersetze, bin ich viel freier und kann mich noch intensiver auf die schönen Dinge des Lebens konzentrieren. Satanismus hat ja in Wirklichkeit nichts damit zu tun, auf Friedhöfen rumzu laufen und irgendwelche Messen abzuhalten. Vielmehr geht es darum, zu machen, was einem gefällt, ein Freidenker zu sein.
TS: Dann ist Satanismus eher eine Art Therapie?

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Tommy: Ja, ich denke schon. Da bin ich der gleichen Ansicht wie mein Kollege Paul Booth. Das ganze Gerede über Dämonen, Teufel, Satan, etc. ist doch immer nur die bildliche Darstellung unserer Ängste, war es schon immer, in jeder Kultur. Das sind einfach nur unsere inneren Dämonen, Fehler oder Psychosen. Egal wie man es nennen mag. Und wenn ich mir meiner inneren Dämonen bewußt bin und diese auf meine Haut banne, kann ich mich nicht mehr vor ihnen verstecken, sie sind jederzeit präsent. Dann kann ich etwas Positives daraus gewinnen, weil ich daran arbeiten kann und in der Lage bin, sie zu bekämpfen, um schließlich Herr über sie zu werden. Das ist wie eine Art Therapie und auch der Grund, warum viele Leute zu mir kommen.
TS: Wie haben sich deine neuen Erkenntnisse auf deine Arbeit als Tätowierer ausgewirkt?
Tommy: Ich bin zuvor durch viele Stile gegangen, war aber nie wirklich zufrieden. Ich war eigentlich immer auf der Suche und habe mich mehr und mehr auf dieses Dämonische, Bösartige, ja, dieses Krankhafte unserer Gesellschaft eingependelt. Ich bin ein fröhlicher Mensch, aber wenn ich mir diese Welt anschaue? Sie ist schrecklich, und das Leben in ihr ein Kampf. Natürlich gibt es wunderschöne Momente, das Leben an sich ist wunderschön, aber das meiste davon ist einfach Illusion. Du brauchst dich nur genau umzuschauen. Diebstähle, Morde, Kriege, Massaker, etc. Das ist unser Alltag. Und das Ganze reflektiert sich in meinen Tätowierungen. Das Übel bildlich darstellen und die Leute damit zu konfrontieren, ist mein Anliegen. Einfach mal den lieblichen Schleier einer heilen Welt wegzuziehen und die nackte Wahrheit aufzuzeigen. Ich finde es einfach falsch, sich vor der Realität zu verstecken. Das bringt niemanden weiter.
TS: Deine Tätowierungen sehen erschreckend lebendig aus. Wie erreichst du das?
Tommy: Wenn ich für Custom-Tätowierungen nur bestimmte Vorgaben bekomme, mache ich mir bloß eine ganz grobe Skizze, damit ich weiß, wie ich das Ganze aufzubauen habe. Bis zum Termin denke ich dann nicht mehr darüber nach. Wichtiger ist der eigentliche Zeitpunkt des Tätowierens. Wenn sich der Kunde auf mich einläßt und mir freie Hand gibt, kann ich all meine Gefühle, die ich zu diesem Zeitpunkt habe, in die Tätowierung mit einfließen lassen. Gute Gefühle, schlechte Gefühle, Liebe, Haß, etc.. Und das sind dann im Endeffekt die bes­ten Tätowierungen, die auch eine Reaktion hervorrufen. Das Konzept war ja schon da, aber wenn man dem Künstler dann noch eine gewisse Freiheit läßt, wächst es ungemein. Aber dafür muß das Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Tätowierer stimmen und das ist sehr schwer. Man hat ja normalerweise nur recht wenig Zeit, sich mit dem Mensch Kunde auseinanderzusetzen, seine Vorlieben und Ängs­te herauszufinden, was aber äußerst wichtig ist. Deswegen ist es immer gut, wenn ein Tätowierer auch Menschenkenntnis besitzt. Wenn ein Kunde dich nicht kennt, kommt es oft vor, dass er sich vor dir verschließt. Und dann ist es deine Aufgabe, diesen Verschluß wieder zu öffnen.
TS: Eine letzte Frage: Reaktionen sind dir sehr wichtig. Worauf kommt es dir dabei an? Du hattest in dem Zusammenhang auch noch eine lustige Geschichte bzgl. Kunstkritikern.
Tommy: Kunst liegt im Auge des Betrachters. Wie will man das bewerten? Kunstkritiker gehen nur mit dem Trend und wollen sich gegenseitig zeigen, wie viel sie doch verstehen, schreiben seitenlange Kritiken, ohne dass eine echte Aussage darin steckt. Ein Bekannter von mir, dessen Namen ich nicht nennen will und der sehr gut von sogenannter moderner Kunst lebt, hat mal ein Experiment gemacht: Er hat seiner kleinen Tochter (damals 5 oder 6 Jahre alt) Farben und Pinsel in die Hand gedrückt und gesagt, sie solle einfach mal machen. Das Bild bestand dann aus Strichen, Farbspritzern, etc. und mein Bekannter hat nur noch seine Signatur hinzugefügt. Dieses „Gemälde“ ist dann für einen fünfstelligen Eurobetrag verkauft worden und die Kritiker waren voll des Lobes: Man würde am Pinselstrich erkennen, dass er zu seinen Wurzeln zurückkehren würde und so weiter. Wir haben uns fast totgelacht.
Ich lege sehr viel mehr Wert darauf, Reaktionen von normalen Durchschnittsmenschen zu bekommen. Meine Illustrationen sind schon sehr krank und dämonisch. Und ein Feedback darauf ist mir überaus wichtig. Egal, ob es auf denjenigen faszinierend oder abstoßend wirkt. Jede Reaktion ist für mich vollkommen okay. Dann weiß ich, dass ich damit etwas erreicht habe. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn jemand sagt: „Tolle Technik, das Bild schaut wirklich nett aus.“ Das ist keine Reaktion. Dann habe ich komplett versagt und werfe das Ding gleich wieder in den Müll.
Wenn Ihr Tommy Lee persönlich kennenlernen und euch auch in Therapie begeben wollt, stehen die Chancen momentan recht gut. Noch befindet er sich auf Europatour. Wo genau, erfahrt ihr unter:
www.tommyleetattoo.com.

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