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Gunnars Tätowierwerkstatt

By on 20. Oktober 2016

Wo zum Teufel liegt eigentlich Quedlinburg? Davon hatte ich ja bisher noch nie gehört. Muß man dieses Städtchen überhaupt kennen? Ich sag mal so: besser ist es. Zumindest, wenn man mit Gunnar von Gunnars Tätowierwerkstatt spricht. Es heißt ja immer so schön, dass es keine dummen Fragen, sondern höchstens dumme Antworten geben würde. Eine glatte Lüge! Meine Frage, die mir kaum, dass sie gestellt war, wieder im Halse stecken blieb, sollte sich sehr schnell als riesengroßes Fettnäpfchen offenbaren: „Was, du hast noch nie von Quedlinburg gehört? Euch Wessis hat man im Unterricht wohl gar nichts beigebracht, wie?“

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Was danach kam, kann man getrost als eine Mischung aus Geschichts- und Erdkunde­nachhilfe bezeichnen, um die ich allerdings niemals gebeten hatte.
Also, Quedlinburg war wohl die erste Deutsche Reichshauptstadt, ist Grabstätte von König Heinrich I und als größtes deutsches Flächendenkmal mit ca. 1200 Fachwerkhäusern seit 1994 auch noch UNESCO-Welterbe. Außerdem liegt die Stadt keinesfalls in Ost-, sondern in Mitteldeutschland, und, und, und. Puh, mir platzt gleich der Schädel. Ich glaube fast, mittlerweile weiß ich mehr über Quedlinburg als über meine Heimatstadt Duisburg. Dabei wollte ich doch bloß wissen, wie ich dorthin komme. Verdammt noch mal, manchmal sollte man einfach besser das Maul halten oder sich vorher informieren. Nicht ganz unschuldig an dieser ungewollten Rückversetzung in alte Schultage waren Bamba und Alex vom „Rheingau Tattoo“ aus Rüdesheim, durch die ich Gunnar vor ein paar Jahren erst kennenlernte. Damals erzählten mir die beiden von einem jungen Tätowierer, den sie auf der Messe in Hameln entdeckt hatten und dessen Arbeitsweise bei ihnen für einige Verwirrung gesorgt hatte. Besonders Bamba konnte nicht so ganz glauben, was sie dort sahen: „Arno, da war jemand, den musst du dir mal ansehen. Macht wunderschöne Portraits, guckt aber beim Tätowieren gar nicht richtig hin. Ist die ganze Zeit nur am quatschen und am Ende sieht das Ding trotzdem fast wie eine Fotografie aus.“ Das hörte sich ja schon mal ganz interessant an.

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Wirklich neugierig wurde ich dann aber, als mir Alex das Portrait seines Vaters zeigte, das er sich einige Zeit später von Gunnar machen ließ und das man durchaus als fotorealistisch bezeichnen konnte. Solche Arbeiten gehören ja nicht gerade zu den einfachsten, sondern bilden schon eher die Königsklasse in der Tätowiererei. Besonders auch deshalb, weil sich Fehler dabei nur sehr schwer verzeihen lassen. Und da Gunnar bis dahin noch recht unbekannt war, könnte es sich bei ihm ja um einen echten Geheimtip handeln. Die Chance, ihn persönlich kennenzulernen und mir seine Arbeiten mal etwas genauer anzusehen, bekam ich dann auf der ersten Rüdesheimer Tattoo-Convention 2004, die wiederum von ­Bamba und Alex ins Leben gerufen worden war. Und was es da in seiner Arbeitsmappe zu entdecken gab, war wirklich nicht von schlechten Eltern. Sehr fein schattierte und detailreich ausgearbeitete Realistik-Arbeiten in Schwarz/Grau.

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Ab und an mit leichten Farbakzenten versehen. Ja, keine Frage, der Mann muß ins Heft. Doch obwohl dies bereits damals feststand, vergingen noch fast drei Jahre, bis wir uns endlich in Quedlinburg treffen sollten. Und was soll ich sagen? Kaum war ich angekommen, gab es erstmal eine ausgiebige Stadtbesichtigung mit weiteren historischen Hintergrundinformationen. Fehlenden Lokalpatriotismus kann man Gunnar also keinesfalls vorwerfen. Irgendwann kommen wir dann aber glücklicherweise doch noch zum eigentlichen Thema meines Besuches. Allerdings sollte sich das als recht schwieriges Unterfangen herausstellen. Gunnar hatte ganz offensichtlich ein erheblich größeres Interesse daran, einfach Spaß mit mir zu haben, als ernsthaft und tiefgründig auf meine Fragen zu antworten. Als er mir z.B. erzählt, wie er vor ca. neun Jahren überhaupt zum Tätowieren gekommen ist, dachte ich zuerst, er wolle mich auf den Arm nehmen. Das Gunnar ein Witzbold ist, wußte ich ja bereits durch die zahlreichen Telefonate, die wir zwischenzeitlich miteinander geführt hatten. Was hab’ ich schon gelacht. Gerade deshalb hatte ich mich schon einige Zeit auf den Besuch gefreut. Nur diesmal meinte er es (zumindest größtenteils) durchaus ernst und ich mußte erst einmal darüber nachdenken, ob ich überhaupt schreiben kann, was mir da zu Ohren kam.

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Ich möchte ja auch nicht, dass man seine Aussagen in den falschen Hals bekommt und man ihn deswegen auch komplett falsch einschätzt. Doch als ich ihn darauf anspreche, kommt nur: „Nee, nee, mach mal ruhig, das hat schon alles seine Richtigkeit so.“ Gerade bei Tätowierern geht man ja schließlich normalerweise davon aus, dass sie ihren Beruf in erster Linie aus einer tiefen Leidenschaft heraus ergriffen haben. Aber bei Gunnar? Nö, Fehlanzeige! Wie er ehrlich zugibt, empfand er Tätowierungen früher nicht einmal als besonders positiv. Was ja schon mal ziemlich komisch klingt. Sein hauptsächlicher Beweggrund war anfangs ein ganz anderer. Einer, den man eigentlich niemals zugibt und schon gar nicht an die Öffentlichkeit trägt: Schnöder Mammon. Und das auch noch durch einen puren Zufall. „Wirklich interessiert hatten mich Tätowierungen vorher eigentlich nie. Damals habe ich aus beruflichen Gründen in Minden gelebt; und aus einer Laune heraus, hatte ich irgendwann das Bedürfnis, mich tätowieren zu lassen. So bin ich schließlich auf Anke von ,Six Inch Deep’ gestoßen.

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Und was ich da im Laufe des Tages sah, war ein regelrechtes Schlüsselerlebnis für mich. Die Hunderter flogen nur so über die Ladentheke. Da hab’ ich mir gedacht, wenn man sein Geld auch auf so angenehme Art und Weise verdienen kann, dann will ich das auch.“ So ganz ernst gemeint war dies dann aber doch nicht. Vielmehr hatte seine erste eigene Tätowierung den Ausschlag gegeben. Finanziell gesehen war Gunnar schließlich bestens abgesichert. Als diplomierter Maschinenbau-Ingenieur hatte er eine äußerst gut bezahlte Stelle bei einem Zulieferer eines bekannten Autohauses. Es gab also absolut keine Notwendigkeit, den Job zu wechseln und dabei auch noch ins kalte Wasser zu springen. Er tat es aber trotzdem. Hätte sein ehemaliger Chef auch nur geahnt, was der Besuch eines Tätowierstudios bei Gunnar auslösen würde, hätte er wohl alles daran gesetzt, dies zu verhindern. Denn schon kurze Zeit später lag Gunnars Kündigung auf seinem Schreibtisch. Aber so ist er eben. Der richtige Mensch für spontane Entscheidungen, die er dann aber auch mit allen Konsequenzen durchzieht. Mit ein wenig Unterstützung von Anke war sein erstes Studio dann auch schon bald eröffnet. Angst, sich dabei zu übernehmen, hatte Gunnar von Anfang an nicht. Genügend Selbstvertrauen und vor allem Talent sind ihm wohl in die Wiege gelegt worden. „Ich hab immer gesagt: Kann ich, mach ich.

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Und bisher hat auch immer alles wunderbar funktioniert. Zumindest hat sich bis heute noch niemand beschwert.“ So langsam beschleicht mich das sichere Gefühl, dass ich im Laufe unseres Gesprächs keine normalen Antworten mehr zu erwarten habe. Dafür ist es um so lustiger hier. Auf meine Frage, was ihn denn besonders an realistischen Darstellungen reizt, fängt er auch gleich wieder an zu grinsen. „Bei realistischen Sachen, gerade bei Portraits, kann man so schön zeigen, was man alles drauf hat und damit angeben. Das mag ich. Angeben liegt mir.“ Die Wahrheit kommt ein wenig später: „Na gut, eigentlich hatte alles damit angefangen, dass ich 2001 auf der Erfurter Convention bei einem guten Freund (Dr. Daniel Migliori) mein erstes Portrait stechen durfte. Eine sehr spannende Arbeit, die ihn als Teufel darstellte, um die böse Seite seines Ichs aufzuzeigen. Das hatte mir so gut gefallen, dass ich von da an immer mehr in diese Richtung gegangen bin. Das mit dem Angeben stimmt aber auch ein bißchen.“ Okay, jetzt gebe ich endgültig auf. Hat ja eh keinen Sinn. Die hier gezeigten Arbeiten sprechen sowieso für sich. Gehen wir also lieber wieder zum gemütlichen Teil über. Dabei lerne ich auch Gunnars 8-jährigen Sohn kennen. Ein ganz schön aufgewecktes Kerlchen, wobei der Apfel hier ganz offensichtlich nicht weit vom Stamm gefallen ist. Als er letztens z.B. mit einer glatten „Vier“ im Diktat nach Hause kam und Gunnar ihn fragte, wie denn das passieren konnte, bekam er als Antwort, dass ihm der Text, so wie ihn die Lehrerin vorgelesen hatte, einfach nicht gefiel und er deshalb unbedingt einige Passagen abändern mußte. „Das kannst du bei einem Diktat doch nicht machen.“ – „Aber Papa, ich kann doch nichts schreiben, was sich nicht gut anhört. Ich bin doch Künstler!“ Von wem er das bloß hat? Gunnar jedenfalls ist mächtig stolz auf seinen Sohn. Genau wie auf Töchterchen Anna Maria, gerade ein Jahr alt. Da können sich die Lehrer wohl schon mal auf eine weitere „Künstlerin“ einstellen.

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Kurz bevor ich am nächsten Tag wieder zurück nach Hause fahren muß, lerne ich dann auch noch Anke von „Six Inch Deep“ kennen, die mittlerweile zu Gunnars Stammkundinnen zählt und sich gerade den Rücken von ihm verschönern läßt. Da muß ich aber leider auch schon wieder los. Eine Sache möchte ich allerdings noch erwähnen: Gunnar ist zwar schon lange kein Geheimtip mehr, aber nach wie vor ein Preis­tip. Was ich Anfangs allerdings sehr verwunderlich fand, da gerade Portrait-Spezialisten wie er, normalerweise nicht zu den Günstigsten der Zunft zählen. Und Konkurrenten hat er in seiner Stadt auch nicht. Trotzdem wundert er sich immer wieder darüber, was manche seiner Kollegen verlangen. Aber das liegt nicht an der Qualität seiner Arbeiten, die sich eindeutig auf höchstem Niveau befinden, sondern einfach an der Gegend. Als ich gegenüber seines Studios, mitten in der Innenstadt, zum Essen gehe, fühle ich mich fast schon in die 80er zurückversetzt: Zigeunerschnitzel mit Pommes und Salat 4,10 EUR. Und ein Omelett mit Pilzen und Zwiebeln ist schon für sage und schreibe 1,50 EUR zu haben. Dafür bekomme ich bei mir gerade mal ein (kleines) Glas Mineralwasser. Preislich ganz schön verwöhnt, diese Quedlinburger. Da wundert es mich auch nicht mehr, dass er seine Preise ebenso moderat gestaltet. Aber wer will sich darüber schon beschweren?

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Ach ja, bevor ich es vergesse: Gunnar möchte auf diesem Wege noch eine Musikkapelle namens „Isolated“ grüßen, was hiermit auch erledigt wäre. Und ich freue mich derweil auf unser nächstes Treffen. Da geht’s dann aber ausschließlich auf die Piste. Anständige Antworten kann ich von Gunnar ja eh nicht erwarten.

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