Tattoo Theo

By on 3. Mai 2014
TattooTheo

In dieser Ausgabe möchten wir eine Persönlichkeit ehren und in die Hall of ­Fame aufnehmen, die sich wie kaum ein anderer in Deutschland für die Tattoo-Szene eingesetzt hat und so ein Teil von ihr war. Die Rede ist von Tattoo Theo. Bereits vor seiner Schulzeit ging Theo nicht etwa wie andere Kinder auf den Spielplatz, sondern viel lieber in die Tattookneipe von Christian Warlich.

Dort beobachtete er, wie sich viele Seeleute vom alten König der Tätowierer verschönern ließen. So dauerte es nicht lange bis Theos Leidenschaft für die Hautkunst entfacht war. Im zarten Alter von 13 Jahren stach er sich kurz vor Kriegsende selbst sein erstes Tattoo: mit einer Nähnadel, Ofenruss und diversen anderen Inhaltsstoffen als Farbe. Von seinem großen Vorbild Warlich bekam Theo hierfür eine ordent­liche Standpauke. Drei Jahre später hatte Warlich ein Einsehen mit seinem Bewunderer Theo und er stach ihm sein erstes richtiges Tattoo, ein Bild des Segelschiffes Gorch Fock, auf die Brust.
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»Theo beobachtete den König
der Tätowierer bei der Arbeit«

Von nun an sammelte Tattoo Theo seine Tätowierungen wie andere Leute Briefmarken. Mehr als 200 Tattoo-Künstler der unterschiedlichsten Natonalitäten verewigten sich auf Theos Haut und machten ihn so schon nach kurzer Zeit zu einem wandelnden Gemälde. Jedes einzelne Motiv, und sei es auch noch so klein, verband Theo mit einer ganz besonderen persönlichen Geschichte und einem besonderen Abschnitt in seinem bewegten Leben. Als Aushängeschild alter Tätowierkunst wurde Theo zu einem Markenzeichen von St. Pauli und für die Tattoo-Szene im allgemeinen. Kaum eine Zeitschrift oder ein TV-Sender, der nicht mindestens einmal über Theo, dem Tätowierten vom Kiez, berichtete. Jahrein jahraus reiste er zu den verschiedensten Tattoo-Conventions und erzählte jedem, der ihn danach fragte, von seinen aufregenden Geschichten.

»Gemeinsam mit Tattoo Theo durch
das nächtliche Magdeburg«

Es war im Jahr 2000, als ich selbst, eher durch Zufall, die Gelegenheit erhielt, mich ausführlich mit Tattoo Theo zu unterhalten. Ich war zusammen mit Redaktionskollege Arno auf der Tattoo-Convention Magdeburg. Am Samstagabend, kurz nach Ende des ersten Messetages, fragte ich den damaligen Veranstalter Peter Siwak (Tattoo-Studio Magdeburg) nach dem Weg zum ­Convention-Hotel. Peter erzählte mir, dass er den Weg an diesem Tag schon mindestens hundertmal erklärt hätte, und ich ganz einfach Theo mitnehmen solle, da der ebenfalls zum gleichen Hotel müsse und den Weg kennen würde. Ich fragte Theo also und wir machten uns auf den Weg. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass Theo den Weg zum Hotel in Wirklichkeit gar nicht kannte, sondern davon ausging, dass Arno und ich den Weg schon finden würden. Zu dieser späten Stunde gab es auch nirgends sonst jemanden, den wir nach dem Weg hätten fragen können. Und so fuhren wir fast drei Stunden durch das nächt­liche Magdeburg auf der Suche nach unserem Hotel, mit Theo auf dem Rücksitz, der fröhlich eine Tattoogeschichte nach der anderen zum Besten gab.

In dieser Nacht habe ich mehr über Tätowierungen gelernt, als ich es je für möglich gehalten hätte. Von Verantwortung, Ehre und von Freundschaft erzählte Theo und wie sehr seine Hautbilder sein Leben beeinflusst haben. Ich war mehr als beeindruckt und wusste, dass ich mich noch lange an diesen Abend in Magdeburg erinnern würde.

Tattoo Theo verstarb am 14. Juli 2004 plötzlich und unerwartet. Unter großer Anteilnahme der Tattoo-Szene wurde Theo auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt, dort wo auch sein großes Idol ­Christian Warlich seine letzt Ruhe fand. Auch wenn Theo nicht mehr unter uns ist, haben wir ihn doch niemals wirklich vergessen.

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